KI im Anwaltsberuf

aus BECK.inside 01/2026, S. 18f.

Die Welt verändert sich heutzutage nicht mit einem Knall; es ist das Surren der Serverräume, das immer lauter wird, je mehr Aufgaben die KI übernimmt. Ein Geräusch wie das der Windmühlen, gegen die Don Quijote einst antrat. Und wie er, kämpfen heute ganze Branchen gegen die vermeintliche Bedrohung KI. So steht etwa die Rechtsbranche vor der Herausforderung, was passiert, wenn Künstliche Intelligenz nicht nur Routinearbeiten erledigt, sondern in die juristische Kernzone, die Subsumtion, vordringt. In ihrem Buch Don KI-jote diskutieren Volker Römermann und Götz Kümmerle diese Entwicklungen und ermutigen dazu, KI nicht nur als einen Riesen wahrzunehmen, den es zu bekämpfen gilt, sondern auch die Möglichkeit zu sehen, in Zukunft als Don über einen Windmühlenpark zu herrschen.

 

Gegen die Windmühlen oder mit dem Strom?

Large Language Modells (LLM) wie ChatGPT oder OpenAI haben sich in nur wenigen Jahren einen festen Platz in unserer (Arbeits-)Welt erobert. Was zunächst als ChatBot belächelt wurde, hat sich auch im Kreis der Rechtsanwälte und Steuerberater zu einem unverzichtbaren Element etabliert, wie sich an den beinah parallelen Grundsatzstellungnahmen zu Einsatz und Perspektiven von KI des Deutschen Anwaltvereins und des Deutschen Steuerberaterverbandes im Juli 2025 zeigt. Gerade diese beiden Stellungnahmen lassen jedoch auch die aktuellen Bruch- bzw. Konfliktlinien in der Debatte erkennen: Ist KI nur ein Werkzeug, das die Arbeit schneller und effizienter macht, oder ist KI mehr und zwingt die Berufsträgerbranchen zu einer neuen Selbstjustierung der eigenen Rolle?

Für die beiden Autoren von Don KI-jote stellt sich die aktuelle Situation wie folgt dar: »Nicht unerhebliche Teile der Steuer- und Rechtsbranche kämpfen derzeit gegen imaginierte künstlich intelligente Windmühlen, um eine Vorstellung von Berufsträgertum zu erhalten, das selbst in die Jahre gekommen ist. In Don Quijotes Fantasie erscheinen die Windmühlen nicht als harmlose Getreidemühlen, sondern er hält sie fälschlicherweise für riesenhafte, feindliche Giganten, die er im edlen Kampf besiegen muss.«

Doch was ist ein Riese und was ist eine Windmühle? Rechtsfindung stellt sich bei näherer Betrachtung als ein sehr komplexes, ringförmiges System von regelbasierter Ableitung und datenbasierter Korrektur heraus. Ganz ähnliche Systeme können heute bereits mittels moderner KI erzeugt werden. So schaffte es etwa ein deutsches Start-up kürzlich den schriftlichen Prüfungsteil des Steuerberaterexamens mit einer hybriden KI-Systemstruktur zu bestehen. Solche hybriden Systeme führen deterministische und generative KI agentisch zusammen und können technisch betrachtet für weit mehr genutzt werden als zur Zuarbeit. Doch genau dazu setzen Juristen sie (noch) nicht ein. »Das ist, als ob Sie sich einen Porsche 992 GT3RS zulegen, nur um damit in der Auffahrt vor- und zurückzufahren«, sind sich Römermann und Kümmerle einig.

Die Angst vor den Windmühlen ist verständlich. Wenn Aufgaben, die Erfahrung und Wissen voraussetzen, schneller und teils fehlerfreier von KI-Systemen bewältigt werden können, gerät ein zentrales Alleinstellungsmerkmal der Anwaltschaft ins Wanken: die exklusive Verfügbarkeit juristischen Wissens. Gleichzeitig stehen die traditionellen Core Values der Anwaltschaft, allen voran die anwaltliche Unabhängigkeit, aber auch Verschwiegenheit, Vermeidung von Interessenskonflikten und weitere Standeswerte, unter erhöhtem Rechtfertigungsdruck.

Für die beiden Don KI-jote-Autoren ist klar: »Wir stehen vor einer Zäsur. Doch ob diese positiv oder negativ wirkt, hängt von uns ab. Es gilt sich neu zu orientieren und den 

Spiegel nicht zu meiden, den KI uns vorhält. Wer hineinschaut, erkennt nicht das Ende der Professionen, sondern ihre Transformation: vom Wissensverwalter zum Vertrauensarchitekten, vom Standesvertreter zum Gestalter neuer Standards.« Römermann und Kümmerle skizzieren neue Rollenbilder für Anwältinnen und Anwälte im KI-Zeitalter: als Verantwortungsträger, kommunikative Interpretin oder Vertrauenskatalysator. 

In der KI-gestützten Rechtsberatung wird der Mensch vor allem zum Verantwortungsträger. Die KI liefert die Ergebnisse, doch der Mensch trägt die letzte Verantwortung für sie und für die Entscheidungen im Mandat. Diese Verantwortung wird zum zentralen Asset: Der Anwalt steht dafür ein, dass die erbrachte Leistung »stimmt«. Klienten suchen gerade in der Welt der automatisierten Prozesse nach dieser Sicherheit. Zudem dürfen ethische Entscheidungen nicht einer Maschine überlassen werden. Schlägt die KI einen rechtlich möglichen, jedoch moralisch fragwürdigen Weg vor, etwa eine perfide prozessuale Verzögerungstaktik, liegt es am Menschen, am Anwalt, als Hüter von Ethik und Fairness, diese Option auszuschlagen.

Eine andere Rolle, die Anwälte vermehrt einnehmen werden, ist die des kommunikativen Interpreten beziehungsweise des Brückenbauers zwischen der komplexen juristischen Wirklichkeit und den Bedürfnissen der Mandanten oder der Öffentlichkeit. Juristische KI-Ergebnisse müssen in menschlich verständliche Beratung übertragen werden. »Der Mensch hört die ganze Geschichte eines Mandanten an und ordnet das juristische Problem in dessen Lebenskontext ein. Oder er setzt von der KI gelieferte juristische Puzzleteile zu einem stimmigen Bild zusammen, das er dem Mandanten vermitteln kann«, erklären Römermann und Kümmerle. Nicht zuletzt gehören zu dieser kommunikativen Rolle auch emotionale Intelligenz und Deeskalation. Eine KI mag Vorschläge errechnen, aber der Anwalt spürt die Stimmung im Raum, kann nicht nur Worte interpretieren, sondern auch Gesten. Sein Alleinstellungsmerkmal ist die zwischenmenschliche Übersetzungsleistung.

Nicht zuletzt waren Anwälte schon immer Vertrauenspersonen. Ein Aspekt, der im KI-Zeitalter an Bedeutung gewinnt: So ist der Anwalt nicht nur selbst Vertrauensperson, er kann auch ein Gefühl der Sicherheit im Umgang mit der KI vermitteln. Er vermittelt Vertrauen auch zwischen den Akteuren, etwa wenn ein Gericht skeptisch ist, eine Verhandlung könnte hauptsächlich über KI-gestützte Schriftsätze laufen. Erscheint ein Anwalt persönlich im Termin, steht er mit seinem Namen und Renommee für die vorgetragenen Positionen ein. Insgesamt gilt, persönliche Integrität, Unabhängigkeit, Verschwiegenheit und Loyalität sind Markenzeichen, die eine KI nicht hat. Eine Maschine ist nur ein Tool, ein Anwalt kann auch in Zukunft sagen: »Ich stehe persönlich mit meinem Eid dafür, dass alles vertraulich bleibt und ich nur Ihrem Interesse diene.«

 

Das Buch

Kämpfen wir noch gegen KI-Windmühlen – oder werden wir längst zu deren Betreibern? Römermann und Kümmerle nehmen die Rechts- und Steuerberufe pointiert in den Blick und stellen die entscheidende Frage: Was bleibt vom anwaltlichen Selbstverständnis, wenn KI den juristischen Kernprozess beherrscht? Zwischen Essay, Analyse und Streitschrift beleuchtet das Buch die tektonischen Verschiebungen durch agentische KI – von Berufsrecht und Ethik bis hin zu Praxis und Ausbildung. Eine ebenso scharfsinnige wie provokante Einladung, den technologischen Wandel nicht nur zu fürchten, sondern aktiv zu gestalten.

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Römermann / Kümmerle

Don KI-jote

Don KI-jote

Zwischen Prompts und Paragraphen kämpfen Organe der Rechts- und Steuerrechtspflege gegen KI-Windmühlen

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Stand: April 2026

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