Mein Umfeld versteht meinen Studiengang nicht – Lex specialis Wirtschaftsrecht (LL.B.)

Letzte Familienfeier, mein Onkel dreht sich zu mir und fragt: "Und was studierst du jetzt nochmal? Jura, aber irgendwie nicht richtig, oder?" Bevor ich überhaupt das Wort ergreifen kann, übernimmt meine Tante: "Ich glaube, das ist doch BWL mit Paragrafen, oder?" Von der anderen Tischseite ruft meine Cousine, die ich einmal im Jahr sehe, mit dem Ton echter Besorgnis: "Du musst doch bestimmt richtig viel an Paragrafen auswendig lernen, oder? Wie kannst du dir das alles merken?" Und irgendwann zwischen Dessert und Heimgang fällt der Satz, der immer kommt: "Ist das nicht furchtbar trocken?"
Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich dieses Gespräch geführt habe.

Ich studiere Wirtschaftsrecht im LL.B., demnächst im LL.M. Man lernt in diesem Studium unter anderem, sich in dreißig Sekunden zu erklären. Und man lernt zum anderen, dass dreißig Sekunden doch nicht reichen, um das zu erklären.
Damit verbunden folgt selbstverständlich immer eine Nachfrage – manchmal interessiert, häufig skeptisch, samt der garantierten Schilderung eines Rechts- oder Vertragsproblems. Irgendjemand hat immer ein Mietvertragsproblem, das ich "nur ganz kurz" anschauen soll, oder eine Bekannte will wissen, ob ich sie "mal vertreten" könnte. Kostenlos, versteht sich.
Dass ich keine Rechtsberatung erteilen darf und nicht einfach vor jedes Gericht spazieren kann, ist in dem Moment schwer zu vermitteln. Also nicke ich und sage "Ich schaue mal" und wechsle das Thema.

Zwischen Klischee und Wirklichkeit: Was andere über das Jurastudium zu wissen glauben

An Klischees mangelt es nicht, und sie treffen, wenn man ehrlich ist, alle Jurastudierenden. Ob Staatsexamen oder LL.B.: Jeder kennt sie, die gängige Vorstellung, dass man den ganzen Tag Paragrafen auswendig lernt und abends gefühlt das BGB rückwärts aufsagen kann. Jeder kennt die Frage, ob das nicht alles schrecklich trocken sei, obwohl es gar nicht so trocken ist, wie alle sagen – wohlgemerkt stellen diese Fragen Leute, die noch nie eine Gutachtenlösung zu einem Fall gelesen haben, in dem es um arglistige Täuschung, Sittenwidrigkeit und Schadensersatz gleichzeitig geht. Trocken ist anders. Jeder kennt mindestens eine Person im Umfeld, die einen seit der Studienzusage "Anwalt" oder "Anwältin" nennt, obwohl man das nie behauptet hat. Und jeder kennt diesen einen Abend, an dem jemand ernsthaft fragt, ob man Suits guckt und ob das Studium "so ähnlich" ist.
Kurze Antwort: Nein.
Lange Antwort: Auch nein, aber mit Begründung.

An dieser Stelle ein kleiner Hinweis aus der Praxis: Das Klischee, dass Jura- und Wirtschaftsrechtsstudierende den ganzen Tag Paragrafen auswendig lernen, stimmt so nicht. Vielmehr geht es um das Verstehen von Gesetzen, Systematik und den Erwerb juristischer Methoden. Aber ja, das ein oder andere müssen wir auch auswendig lernen, das ist bei solch einem umfangreichen Studiengang nicht verwunderlich, oder?
Dass das Studium trocken sei, ist ein Eindruck, der sich bei näherem Hinsehen meines Erachtens nicht bestätigt. Die Materie ist komplex, aber gerade das macht sie alles andere als langweilig.

LL.B. – nur "Jura light"?

Für LL.B.-Studierende kommt dann noch eine eigene Schicht obendrauf. "Wirtschaftsrecht? Was macht man da genau? Also so eine Art Jura light?" Das höre ich regelmäßig. Dann gibt es noch eine weitere Variante wie "Das ist doch kein richtiges Jura." Meistens als Feststellung formuliert, nicht als Frage. Und zu guter Letzt die goldene Frage: "Und was macht man damit eigentlich beruflich?" Die Frage ist berechtigt. Sie ließe sich aber genauso an jedes andere juristische Studienmodell richten.

Der wirtschaftsrechtliche LL.B. ist ein akkreditierter juristischer Studiengang. Das bedeutet: Wir lesen dieselben Gesetze, schreiben Klausuren im Gutachtenstil und arbeiten mit Grüneberg, Münchener Kommentar und beck-online. Zivilrecht, Handelsrecht, Gesellschaftsrecht, Arbeitsrecht, Öffentliches Recht – das alles belegen wir genauso in unserer Studienlaufbahn wie an der Universität. Zumal das BGB in dem Hörsaal einer Hochschule für angewandte Wissenschaften nicht anders aussieht als in einem universitären Vorlesungssaal. Das alles auf einer Familienfeier zu erklären, bleibt trotzdem eine Herausforderung. Was mein Onkel allerdings nicht weiß: Das Studium im LL.B. erweitert die juristische Ausbildung um betriebswirtschaftliche Module wie Rechnungswesen, Unternehmensführung und Bilanzrecht. Ergänzend kommt im sechsten Semester ein Pflichtpraktikum hinzu, was einen frühen Bezug zur Berufspraxis herstellt. Und je nach Hochschule gibt es Schwerpunkte wie Finanzmarkt, Aufsicht und Regulierung (Banken und Versicherungsrecht), People Management und Recht (Arbeitsrecht) oder Compliance mit Wirtschaftsstrafrecht, die das eigene Profil zusätzlich schärfen.
Das Studium umfasst in der Regel sechs bis sieben Semester und schließt mit dem LL.B. ab, einem international anerkannten juristischen Abschluss. Wer sich danach weiter spezialisieren möchte, kann einen LL.M. anschließen, der das Profil fachlich vertieft und eine zusätzliche Perspektive auf dem Arbeitsmarkt eröffnet.
Vom Anspruch her vielleicht nicht der Ironman, aber definitiv auch kein Sonntagsspaziergang. Wer das nicht glaubt, darf gerne mal eine Klausur im Gesellschaftsrecht oder Insolvenz und Sanierung mitschreiben – Zuschauer sind willkommen.

Die Antwort auf die eigentliche Frage

Aber wenn man mal hinter die Fassade der ständigen Fragen schaut, merkt man schnell, dass die meisten es nicht abwertend meinen. Was die meisten eigentlich fragen wollen: "Passt das zu dir?" Und ob ich am Ende auch dahin komme, wo ich hinwill. Wenn man eine Sekunde länger darüber nachdenkt, ist das eigentlich gar nicht mal so eine verkehrte Frage, die stelle ich mir ja teilweise auch selbst. Nur ist die Antwort eben nicht so kompliziert, wie die Frage vermuten lässt.

Meine ehrliche Antwort? Ja, ich bin sehr gerne in diesem Studiengang. Nicht weil er "leichter" wäre, denn wer das Curriculum einmal durchgearbeitet hat, kommt auf diese Einschätzung nicht mehr, sondern weil mich die Schnittstelle zwischen Recht und Wirtschaft fasziniert. Verträge entstehen nicht im luftleeren Raum, denn Verträge haben immer auch eine betriebswirtschaftliche Seite und eine Unternehmensstruktur hat immer auch eine rechtliche. Das Recht ordnet die Wirtschaft, die Wirtschaft testet das Recht und beide stehen in enger Verbindung miteinander. Der LL.B. bildet mich genau für diese Verbindungen aus: Vertragsgestaltungen, regulatorische Umsetzung, gesellschafts- und arbeitsrechtliche Fragen im Unternehmen, eben das, was in der unternehmensjuristischen Praxis gebraucht wird.
Mein Eindruck ist: Gerade diese unternehmensrechtlichen, regulatorischen und wirtschaftsnahen Bereiche suchen zunehmend Fachkräfte in Bereichen wie Compliance und regulatorischer Beratung – Bereiche, die vor zehn Jahren kaum eigenständig existierten, gehören heute zum festen Bestandteil der juristischen Berufswelt. 
Nicht weil das eine das andere ersetzt, sondern weil beide Perspektiven gebraucht werden. Die Rede vom "Bachelor ohne Zukunft", "Jura light", geht an dieser Realität vorbei. Es ist ein anderer Weg als das Staatsexamen, aber einer, der in der Wirtschaft seinen festen Platz hat. Das zu verstehen, fällt manchem leichter, der es selbst erlebt hat, und manchem schwer, der nur davon gehört hat.

Ich binde niemandem die Klischees auf die Nase, die ich selbst regelmäßig zu hören bekomme. Der volljuristische Weg ist anspruchsvoll und verdient Anerkennung, und der wirtschaftsrechtliche LL.B. ist kein Umweg und kein Kompromiss. Es ist eine bewusste Entscheidung für ein Studium, das juristische Tiefe mit wirtschaftlichem Verständnis verbindet. Er verdient dieselbe Anerkennung, die andere juristische Wege selbstverständlich erhalten. Und die Menschen, die ihn studieren, verdienen es, nicht bei jeder Begegnung erklären zu müssen, warum ihre Wahl eine richtige ist.

An alle, die gerade überlegen, ob Wirtschaftsrecht das Richtige für sie ist: Es gibt schlechtere Entscheidungen. An alle, die den Studiengang unterschätzen: Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, denn wirtschaftsrechtliche Profile sind gefragt, auch wenn es sich noch nicht überall herumgesprochen hat. 
Und an alle Onkel, Tanten und Cousinen da draußen: Fragt ruhig weiter, wir erklären es gerne. Ja, wir sind glücklich damit, und ja, die beruflichen Perspektiven sind da, man muss sie nur erkennen.
Nur den Mietvertrag – den schaut euch bitte selbst an.

 

Die Autorin

Nikolina Pjanić studiert Wirtschaftsrecht an der Frankfurt University of Applied Sciences. 

Neben ihrer langjährigen Liebe zum Sport und zum Klavier hat sich irgendwann noch eine dritte Leidenschaft dazugesellt – das Wirtschaftsrecht.

Umso mehr freut sie sich, einen kleinen Teil dazu beitragen zu können, "diesen wunderbaren Studiengang etwas sichtbarer für alle zu machen".

 

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Stand: Juni 2026

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