Bewerben über 50 – praxiserprobte Bewerbungsstrategien
Von Vincent G.A. Zeylmans van Emmichoven
Bewerberinnen und Bewerber bemerken vielfach, dass ein Arbeitsplatzwechsel ab 50 schwieriger wird. Wenn auch die Gründe für eine Ablehnung lediglich in seltenen Fällen vom Arbeitgeber erwähnt werden, gehen viele Bewerber davon aus, dass das Alter ein entscheidender Grund ist. Wieso ist das der Fall? Und vor allem: Welche Lösungen gibt es?
Welche Gründe führen zu einer Ablehnung der Bewerbung bei Über-50-Jährigen?
Das Alter wird zwar oft für eine Absage verantwortlich gemacht, doch diese Einschätzung trifft in den wenigsten Fälle zu. Um erst gar nicht den Eindruck entstehen zu lassen, man sei zu "alt für den neuen Job", ist es wichtig, herauszustellen, welche Qualifikationen man im Laufe seines Berufslebens erworben hat. Daher gilt es, im Lebenslauf nicht nur die Berufsbezeichnung und den Namen des jeweiligen Arbeitgebers aufzählen. Hinzuzufügen sind unbedingt Unterpunkte, die Einzelheiten über den Tätigkeitsbereich auflisten sowie Erfolge oder Kompetenzen sichtbar machen.
Auch bewerben sich ca. 95 Prozent aller Bewerber ausschließlich auf ausgeschriebene Stellen. Diese Strategie mag vor fünf Jahren möglicherweise noch funktioniert haben, stellt heute aber selbst jüngere Bewerber vor Probleme. Wer auf Knopfdruck 5.000 Bewerbungen versendet, soll sich nicht wundern, dass Arbeitgeber mit der Vielzahl der Bewerbungen überfordert sind. Diese unterliegen der Inflation und sind immer weniger als alleinige Vorgehensweise für das Finden eines neuen Jobs geeignet.
Wenn es also nicht das Alter an sich ist, das dem Arbeitgeber Kopfzerbrechen bereitet, was sind dann die dahinterliegenden Assoziationen? Das können z. B. Bedenken bezüglich des Kündigungsschutzes, aktuellen Wissens, Leistungs- und Integrationsfähigkeit, Gehaltsansprüchen und des Umgangs mit der Lebensmitte sein.
Wie gelingt bei Bewerben über 50 und ein sinnvoller Umgang mit der Digitalisierung?
Corona war eine Zäsur und hat das Berufsleben nochmals weiter in die Digitalisierung hineingeführt. Wer sich mit über 50 nach Corona das erste Mal bewirbt, stellt fest, dass nahezu jedes Interview online geführt wird. Da gibt es keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Zu achten ist dabei insbesondere auf die Technik (Ton, Bild, Netzwerkstabilität), darüber hinaus auf Aspekte wie Bildaufbau und Hintergründe bis hin zur Bekanntmachung mit den vom Arbeitgeber verwendeten Plattformen wie ZOOM, MS-Teams, Google Meet oder Webex.
Wie kann Ü50 erfolgreich mit Headhuntern zusammenarbeiten?
Wenn sich Über-50-Jährige also nicht nur auf ausgeschriebene Stellen verlassen sollen, stellt sich die Frage nach Alternativen. Vor allem ist es von elementarer Bedeutung, dass sich Über-50-Jährige Alleinstellungsmerkmale erkämpfen. Wie können sie sichtbar werden?
Eine gute Möglichkeit ist die Zusammenarbeit mit Headhuntern. So gibt es mittlerweile Personalvermittler für jede Branche, jede Funktion und jede Gehaltskategorie. Hier erzielt der Kandidat durch die initiative Ansprache schon mal die Aufmerksamkeit. Dazu ist diese Vorgehensweise von einer multiplikativen Strategie geprägt. Ist ein Bewerber für einen Headhunter interessant, ist der Lebenslauf vielleicht für einen beauftragenden Arbeitgeber passend.
Wunder sollte man allerdings nicht erwarten, daher ist Recherche gefragt. Wer ist der passende Headhunter? Besetzt dieser Positionen in meiner Branche? Sucht er Kandidaten mit meinem Profil? Passt es auch von der geografischen Nähe, denn viele Arbeitgeber bevorzugen Mitarbeiter, die weder pendeln noch umziehen.
Wie Initiativbewerbungen meine Chance als Über-50-Jährige auf einen neuen Job erhöhen
Optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass jede fünfte Stelle über Initiativbewerbungen besetzt wird. Es ist eine Tatsache, dass gerade kleinere und mittelständische Unternehmen zunehmend weniger Stellen über Karriereportale ausschreiben. Sie bevorzugen den verdeckten Arbeitsmarkt. Das bedeutet, sie schreiben Stellen intern aus, bitten Mitarbeiter ausdrücklich, als Recruiter tätig zu werden. Auch werden Berater abgeworben und Studenten ermutigt, die eine Masterarbeit im Unternehmen geschrieben haben. Außerdem werden Initiativbewerbungen gern berücksichtigt. Der Bewerber hat schließlich gezeigt, dass ihm der Arbeitgeber nicht egal ist, sondern er gern für dieses Unternehmen arbeiten möchte.
Bewerben über 50 und die Notwendigkeit der digitalen Sichtbarkeit
Schließlich führt für Über-50-Jährige kein Weg an der digitalen Sichtbarkeit vorbei. Die Zeit, dass sich Kandidaten erlauben konnten, nicht sichtbar zu sein und dennoch von sich zu behaupten, "sie seien Champions" ist passé: Ein Business-Profil bei LinkedIn ist das absolute ein Minimum.
Viele sind aber überfordert mit dieser Plattform. Soll ich nun Kontakte einladen, sich mit mir zu verbinden? Muss ich jede Einladung annehmen? Lade ich einfach meinen Lebenslauf hoch? Was hat es mit dem Thema "Keywords" auf sich? Und: "Ich sehe so viele Personen, die auf LinkedIn Geschichten posten". Gehört das auch dazu? Muss ich Reichweite aufbauen, damit ich ein neues Angestelltenverhältnis finde?
Die Möglichkeiten der digitalen Sichtbarkeit gehen aber noch weit über die Pflege eines LinkedIn-Profils hinaus. Es gibt weitere Plattformen wie Instagram oder YouTube, alle kostenlos. Diese können verwendet werden, damit bestimmte Kompetenzen und Expertisen sichtbar werden. Ein geringes technisches Verständnis und etwas Lust, gelegentlich einen Beitrag zu verfassen, können die ersten zehn Plätze bei einer Suchmaschine belegen, wenn der Name eingegeben wird. Dieses ist mittlerweile bei Unternehmen in 80 Prozent der Fälle gängig und Headhunter "googeln" ihre Kandidaten zu 100 Prozent.
Wie gelingt ein erfolgreicher Netzwerk-Aufbau?
Gerade bei Bewerben über 50 wird die Bedeutung des Netzwerks einerseits überschätzt und andererseits unterschätzt! Was bedeutet das konkret? Viele Kandidaten meinen, dass das Interesse der Umgebung ihrer Person galt. Sie sind enttäuscht, wenn sie feststellen, wie viele Kontakte sich abwenden, wenn eine Unterstützung hilfreich wäre.
Gleichzeitig sind Bewerber über 50 mit einer sinnvollen Ansprache ihres Netzwerkes überfordert. Sie missachten die erste Regel: "Bring Dein Netzwerk nie in Verlegenheit ›nein‹ sagen zu müssen." So ist die Frage "Hast du einen Job für mich?" nicht legitim.
Stattdessen soll die Beratungskompetenz des Netzwerkes in Anspruch genommen werden. Gern geben ehemalige Kollegen, Vorgesetzte, Kunden, Lieferanten und sonstige Kontakte Hilfestellungen, Hinweise und Wahrnehmungen zu Fragen z. B. nach der weiteren Vorgehensweise im Bewerbungsverfahren. Sie teilen mit, ob sie mich eher weiterhin im Einkauf sehen, oder doch im Supply-Chain-Management. Ich kann fragen, ob ich aus ihrer Sicht ein guter Berater wäre, oder mich besser selbständig machen sollte. Gleichzeitig werden meine Netzwerkkontakte auch überlegen, ob sie für mich etwas bedeuten können.
Was ist Outplacement und wie kann ich dieses für meine Bewerbung über 50 nutzen?
Nicht selten haben sich über 50-Jährige im Laufe ihres Berufslebens eine prominente Position erarbeitet. Bei der Unterschrift einer Aufhebungsvereinbarung wird gelegentlich ein Outplacement-Package angeboten. Was ist davon zu halten? Oder umgekehrt: Ist es sinnvoll, eine Outplacement-Beratung – neben einer Abfindung – bei einer Trennung anzustreben?
Dafür muss verstanden werden, was Outplacement anbietet. Neben Stunden- und Zeitkontingenten (Begleitung während einer bestimmten Dauer), werden auch "Garantien" abgegeben. Diese sagen aus, dass der Berater einen Kandidaten so lange begleitet, bis eine neue Erwerbstätigkeit gefunden wird.
Der Outplacement-Berater verfügt normalerweise nicht nur über eine hohe Professionalität und Qualifikation, sondern auch über eine Büro-Unterstützung für die Erstellung von Bewerbungsunterlagen und Serienbriefen, Datenbanken mit allen deutschen und europäischen Unternehmen sowie Verzeichnisse von Headhuntern.
Dazu ist ein Outplacement-Berater meistens in gewissen Branchen gut vernetzt und kann Kontakte herstellen.
Kann ich meinen Lebensunterhalt als Über-50-Jährige nur mit einem neuen Angestelltenverhältnis bestreiten?
Bewerben über 50 geht mit Absagen einher. Dutzende Ablehnungen sind keine Seltenheit. Nicht nur deshalb fragen sich Über-50-Jährige, ob es Alternativen gibt. Jede Bewerbung ist ein Unikat und wenn diese nicht zum Erfolg führt, ist kostbare Lebenszeit vergangen.
Bewerber über 50 suchen daher nach Möglichkeiten, ihre Zeit von Anfang an produktiv einzusetzen. Diese Optionen gibt es – und zwar vielfach.
Es ist möglich, auf der Erfolgswelle von eingeführten Marken mitzuschwimmen. Als Franchisenehmer ist das Risiko überschaubar. Je bekannter das Branding ist, desto mehr ist mein Erfolg garantiert. Der Einstieg ist für geringes Geld, aber auch bei weniger bekannten Unternehmen möglich.
350.000 Unternehmen haben die Nachfolgefrage für die kommenden Jahre noch nicht geklärt. Es gibt Börsen und Berater, die Verkäufer mit potenziellen Käufern zusammenführen.
Natürlich gibt es die Möglichkeit, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Auch dazu gibt es Anleitungen und Businesspläne. Dann gibt es Möglichkeiten, in den Direktvertrieb einzusteigen oder als Investor tätig zu werden.
Für jede Risikogruppe ist etwas dabei. Geld kann hilfreich sein, ist aber keine Voraussetzung für eine Zukunft abseits des nächsten Angestelltenverhältnisses.
Reichen praktische Hinweise für den Erfolg oder muss ich mich noch auf mentale Komponenten gefasst machen?
Die Hilfestellungen reichen – aber sie benötigen Zeit! Daher spielt der psychologische Aspekt bei der Jobsuche eine wichtige Rolle. Keiner verkraftet es gut, wenn bisherige Leistungen und Erfolge anscheinend nicht anerkannt werden. Führen Bewerbungen nicht zu Interviews, schlägt dieses auf das Gemüt nieder. Wer sich vorbereitet, was auf ihn zukommt, ist besser gewappnet. Aber der Umgang mit Misserfolg kostet Kraft, Energie und Zeit.
Daher ist die Auseinandersetzung mit dem Thema und ein Resilienz-Aufbau unentbehrlich. Insbesondere hilft es, sich die Frage zu stellen, welche Resilienzfaktoren ich selbst in der Hand habe. Auf keinen Fall sollte man in eine Opfer-Rolle verfallen, kein Selbstmitleid zulassen und verbittern.
Das Buch
"50+, erfahren, sucht" nimmt den Bewerber mit auf die Reise zum Erfolg. Der Autor hat die vergangenen 20 Jahre ca. 1.200 Personen in ein neues Angestelltenverhältnis begleitet. Ca. 70 Prozent waren älter als 50 Jahre. Das Buch legt Geschichten offen von Kandidaten, die ihr Ziel erreicht haben, mit 50, 55 und auch 60 Jahren. Es zeigt schonungslos, welche Hausaufgaben gemacht werden müssen und welche Wege zum Erfolg führen. Das kann ein nächstes Angestelltenverhältnis sein. Das Buch zeigt allerdings auch Alternativen und kann somit zu Wegen inspirieren, die bis dato unbekannt waren.
Zeylmans van Emmichoven
Die besten Bewerbungsstrategien aus der Praxis
Der Autor
Zeylmans van Emmichoven
blickt auf eine internationale Karriere als Führungskraft zurück: Unter anderem war er als Abteilungsleiter bei Yves Rocher, Bereichsleiter bei einem Gillette Tochter-Unternehmen und GmbH-Geschäftsführer bei Jafra Cosmetics in fünf europäischen Ländern tätig. In seiner Tätigkeit als Supply Chain Manager und Director Operations für führende amerikanische Konzerne war er für länderübergreifende und interdisziplinäre Teams verantwortlich. Seit vielen Jahren begleitet er Mandanten in neue Arbeitsverhältnisse hinein. Er betreut schwerpunktmäßig Führungskräfte und Fachspezialisten in der Wirtschaft.